Supergrass-Artikel
Ticket to ride
Von Daniel Gerhardt
Es ist einfach falsch, Franzose zu sein, wußten schon John Cleese und Al Bundy. Prinzipiell okay ist aber, in Frankreich Platten aufzunehmen. Da sind sich nicht nur Mick und Keef sicher, seit sie vor 34 Jahren mit Band und Hausapotheke in Nizza einkehrten, um die vielleicht beste Stones-Platte Exile on Main Street zu machen. Auch Supergrass haben die Vorzüge des rot-weiß-blauen Landstreifens erkannt, eine gemütliche Scheune in der Normandie auf Vordermann renoviert, die Überreste verschimmelter Schafs-Kadaver beseitigt und sich schließlich vier Monate lang an die eigentliche Arbeit gemacht. Road to Rouen sollte her und bitteschön anders werden. Den großen Jubiläums-Popanz von Supergrass is 10 wollte man schließlich nicht umsonst veranstaltet haben.
Eine Singles-Band sei man lange genug gewesen, erzählte Bandleader Gaz Coombes, dem die Kotletten mittlerweile quer durchs Gesicht wachsen, im Vorfeld jedem Interviewer, der es wissen wollte. Und wer auf dem fünften Supergrass-Album nach rauchenden Knallköpfen wie Caught by the fuzz oder Never done nothing like that before sucht, wird tatsächlich ganz schön in die Röhre gucken. Stattdessen Akustikgitarren, Bläser, Piano. Alles schon im ersten Stück, dem blinzelnden Prog-Rock-Verweigerer Tales of endurance (Parts 4, 5 & 6). Alles schon, bevor Coombes das erste Mal zu singen beginnt. Alles noch, bevor die erste E-Gitarre dem Song nach drei Minuten dreißig endlich die Vorfahrt nimmt. Früher haben Supergrass zwei Hits in der gleichen Zeit geschafft.
Das Interesse an solchen Vordergründigkeiten scheint aber tatsächlich geschwunden zu sein. Und so darf St. Petersburg, die neue Single, ziemlich bequem die Füße hochnehmen, während es seinen Streichern beim Kunststückchen-Machen über die Schulter linst. Es ist überhaupt erstaunlich, daß Road to Rouen bei allem neu gefundenen Tatenrang und Erfindergeist doch eine sehr entspannte Platte geworden ist. Less glam, more Beatles könnte auf großen Tafeln in der Scheune gestanden haben, für Roxy, einen weiteren mehrteiligen Sechsminüter, wurde sogar George Harrisons Let it be-Gitarre akkurat nachmodelliert. Anderorts albert derweil das Slapstick-Instrumental Coffee in the pot. Und plötzlich biegen wir schon auf die Zielgerade ein.
Man hatte ja keine Ahnung, wie kurz 35 Minuten und 19 Sekunden tatsächlich sind. Weil Supergrass bei gedrosseltem Tempo aber gleichzeitig an der Uhr gedreht haben, lohnt es sich für Road to Rouen ganz besonders, auf die Kleinigkeiten zu hören. Natürlich ist das eine Detail-Platte bis hinters letzte Klimpern aus dem Klavierkasten. Sportliches Geklampfe gibt es nur noch im Titeltrack, der klassische 70er-Jahre-Jams auf vier Minuten zusammenstaucht. Und auch wenn hier ein Song Kick in the teeth heißt, klingt er mit seinen Blubber-Gitarren doch eher nach Zähneputzen als Barprügelei. Das neue Selbstverständnis könnte Wörter wie Geduld oder Besonnenheit beinhalten. Man kommt langsam dahinter.
Erklingt also zum Schluß mit der herrlich schmierigen Abschieds-Schnulze Fin ein letztes Winken Richtung John Lennon, hat man sich längst zurecht gefunden im neuen Supergrass-Universum. Die Road to Rouen führt eher über Feldwege als Schnellstraßen. Nicht in einem Cabrio, sondern auf der Rückbank eines alten VW-Busses. Und vielleicht mußte denen ein solches Album ja einfach mal passieren, damit sie auch nach dem Zehnjährigen noch vernünftig weitermachen können. Man will ja schließlich irgendwann auch mal Tales of endurance (Parts 1, 2 & 3) hören. Vielleicht in 30 Jahren.
7/10 Punkten
© plattentests.de, Erscheinungsdatum: 9/2005